Geklittere zum Jahrestag

Sonntag, 30. August 2009

Ich versuche die Presseberichte zu historischen Jahrestagen ja immer weitgehend zu ignorieren, aber manchmal gelingt es nicht. Was man da alles ertragen muß:
[Photo]
Beginn eines langen Krieges: Ein Stoßtrupp der Waffen-SS besetzt im September 1939 das zerstörte Dorf Wielun in Polen.

Die Waffen-SS... im September '39... Man könnte darauf hinweisen, daß der Begriff selbst informell erst ab November benutzt wurde, aber die Schreiberlinge sind eh beratungsresistent.

(Tagblatt)

Dann jedes Jahr die Geschichten um die Westerplatte und das "vergessene" Wielun:
Olejnik hat ein Buch geschrieben, „Das polnische Guernica“. Guernica, jene Stadt im spanischen Baskenland, die 1937 von der Luftwaffe komplett zerstört wurde. Beide Bombardierungen, Guernica und Wielun, leitete Wolfram Freiherr von Richthofen. In seinem Tagebuch notierte er: „Stadt (…) buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht, Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll.“ Der Eintrag betrifft Guernica. Hätte aber auch Wielun meinen können: Fast 500 Bomben brachten am 1. September in wenigen Stunden 1200 Menschen ums Leben, acht Prozent der Bevölkerung der Stadt, und zerstörten 80 Prozent der Gebäude.

Wie immer von den Klitterern, wurde das Zitat unzulässig gekürzt (und auf eine andere Stadt, anderen Krieg, anderen Kontext umgemünzt). Vollständig (Tagebuch Richthofens vom 30.04.1937):
Guernica, Stadt von 5000 Einwohnern, buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. Angriff erfolgte mit 250-kg- und Brandbomben, letztere etwa ein Drittel. Als die 1.Jus kamen, war überall schon Qualm (von VB, die mit 3 Flugzeugen angriffen), keiner konnte mehr Straßen-, Brücken- und Vorstadtziel erkennen und warf nun mitten hinein. Die 250er warfen eine Anzahl Häuser um und zerstörten die Wasserleitung. Die Brandbomben hatten nun Zeit sich zu entfalten und zu wirken. Die Bauart der Häuser: Ziegeldächer, Holzgalerie und Holzfachwerkhäuser, führte zur völligen Vernichtung. – Einwohner waren größtenteils eines Festes wegen außerhalb, Masse des Restes verließ die Stadt gleich zu Beginn. Ein kleiner Teil kam in getroffenen Unterständen um. – Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll. – Stadt war völlig gesperrt für mindestens 24 Stunden, es war die geschaffene Voraussetzung für einen großen Erfolg, wenn Truppen nur nachgerückt wären. So nur ein voller technischer Erfolg unserer 250er u. EC.B.1.

Weiterhin:
In den Rapporten der deutschen Flieger tauchen Einheiten der polnischen Kavallerie als Ziel auf. „Unsinn“, sagt Olejnik, darüber seien sich die Historiker aus Deutschland und Polen einig – „es waren keine Truppen in Wielun und Umgebung stationiert.“

Schön, daß sich alle einig sind... bis auf den weltweit führenden Luftkriegshistoriker:
Beim zweiten wollte man wissen, was die Eintragung im Halder-Tagebuch vom 17. August 1939: "Jagdeinsatz Rot in Gegend Wielun" bedeute. Meines Erachtens konnte die Unterstützung der Bodentruppen gemeint sein, zumal im gleichen Eintrag "voller Einsatz für Heer" ab dem folgenden Tag stand und für den 27., 29. und 30. August auf die Unterstützung des Heeres durch die Luftwaffe als Wichtigstes und auf die Verstärkung der Fliegertruppe zu diesem Zweck hingewiesen wurde. Obendrein vermerkte Halder ebenfalls schon am 30. August und noch einmal am 1. September in seinem Tagebuch, daß es keinen Terrorangriff auf Warschau geben sollte. Lediglich militärisch relevante Ziele sollten dort bombardiert werden. Aber auch das sagte der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring, am 1. September ab, weil die vorgesehenen Industrieziele im Warschauer Vorort Praga in zu großer Nähe zu Wohngebieten lagen (Akte RL 2 II/51 im Bundesarchiv Militärarchiv).

[...]

Die Quellenbelege ergeben also, daß am Vorabend des Angriffs die genannten polnischen Verbände in bzw. bei Wielun festgestellt wurden, die es zur Unterstützung des vorrückenden deutschen Heeres auszuschalten galt. Sie ergeben ferner, daß die beiden Stuka-Angriffe auf Ziele in der Stadt am Morgen und Mittag des 1. September wegen Bodennebels fehlschlugen.

Wielun war also der deutschen Intention nach kein Terrorbombenangriff auf die polnische Zivilbevölkerung, wenngleich er von dieser verständlicherweise als solcher empfunden wurde, sondern ein taktischer Angriff im Frontgebiet.

Wer solche Anschuldigungen erhebt, sollte außer "Unsinn" doch etwas mehr in der Hand haben.

(Tagesspiegel)

Aktualisierung 03.09.2009:
Googles Nachrichtenseite - "Überfall auf Polen": 478 Ergebnisse

Liebe Journalisten: das war kein militärischer Überfall. Auch nicht wenn man es jedes Jahr wiederholt.

Außerdem "Nazi-Luftwaffe" im Kurier, "Nazi-Wehrmacht" in JW und ND, "Terrorangriff" im Standard, "Terrorattacke" im Spiegel...

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